Die Tochter

In Kathis Familie sind schreckliche Dinge geschehen, und alle wissen es.
Die alleinerziehende Mutter hat sich damit abgefunden, eine Außenseiterin zu sein. Doch seit kurzem benimmt sich ihre Tochter Lucy seltsam.

Dann verschwindet ein Mädchen, das Lucy in der Schule das Leben zur Hölle macht. Und ausgerechnet Kathi hat es als letzte lebend gesehen. Wird man sie verdächtigen? Unterstützung findet sie nur bei der neu zugezogenen Jennifer. Aber während Kathi damit beschäftigt ist, sich von dem Verdacht zu befreien und die Geister der Vergangenheit zurückzudrängen, entgleitet ihr die zunehmend die Kontrolle …


Schicht um Schicht legt Rose Klay das Grauen hinter der alltäglichen Fassade frei – ein psychologischer Thriller, den man nicht mehr aus der Hand legen kann!

eBooks von beTHRILLED – mörderisch gute Unterhaltung.

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Kostprobe?

Kostprobe gefällig?

Prolog

 

Die Tür zum Besucherzimmer war zu schwer für sie. Judith presste die Stirn gegen das trübe Glas und versuchte zu erkennen, ob Mama schon da war. 

So lange hatte Judith auf diesen Tag gewartet, dass sie nun einen Kloß im Bauch und einen im Hals hatte und ihr die Luft knapp wurde. 

Endlich tauchte Regina auf, um ihr die Tür zu öffnen. Sobald der Spalt groß genug war, zwängte sich Judith hindurch.

Da stand Mama und breitete ihre Arme aus.

Judith rannte und flog hinein. Endlich, endlich war es soweit! Heute würde Mama sie mitnehmen. Schließlich hatte sie es ihr beim letzten Besuch versprochen. »Beim nächsten Mal, ganz bestimmt«, hatte sie gesagt. »Und dann gehen wir in den Park oder zum Wildgehege und da darfst du die Rehe füttern.«

Doch ein Besuchstermin nach dem anderen war verstrichen, ohne dass jemand nach Judith rief.

»Deine Mama muss erst mal lernen, sich um sich selbst zu kümmern«, hatte Regina gesagt, »aber sie kommt bestimmt, sobald sie kann.« 

Manchmal war Judith wütend, dass Mama immer noch nicht gelernt hatte, sich um sich selbst zu kümmern. Meist allerdings überwog die Panik, dass sie vielleicht gar nicht wiederkommen würde, besonders weil Leni gerne behauptete, dass Judith genauso enden würde wie die anderen hier auch: alleine.

Jetzt war all das vergessen. Mama war da. Und sie hatte ihr etwas mitgebracht, in einer braunen Papiertüte. 

Judith schaute hinein. Darin waren ein Cheeseburger, in knisterndes Papier eingewickelt, und ein Pappbecher, in dem ein gestreifter Strohhalm steckte. 

Ihr Herz tat auf einmal furchtbar weh. Man brachte niemandem Essen mit, den man gleich mitnehmen würde.

»Du kommst mich doch holen, Mama, nicht wahr? Heute?«, fragte Judith, ohne den Blick von der Tüte zu heben.

»Aber Judith, was ist denn das für eine Begrüßung? Möchtest du nicht erst mal Hallo sagen?« Ihre Mutter klang angespannt. Judith hatte den falschen Ton getroffen.

Auf einmal war ihre Kehle so trocken, dass sie kein Wort mehr herausbrachte. Sie durfte Mama nicht aufregen, sonst musste sie auf jeden Fall hierbleiben. Wenn Mama nervös war, war sie wie ein straff gespanntes Drahtseil, das nach jeder winzigen Berührung sirrte und vibrierte und dann musste sie sich ganz viel Mühe geben, bis sie sich wieder beruhigt hatte. So hatte Regina ihr das erklärt, obwohl Judith das eigentlich schon längst gewusst hatte. Schließlich hatte sie ihr Leben damit verbracht, auf Mamas Schwingungen zu achten. 

Judith griff nach dem Pappbecher und sog an dem gestreiften Strohhalm. Der Milchshake war eiskalt und schmeckte wie die Zahnpasta, mit der sie sich die Zähne geputzt hatte, als sie noch bei Mama gewohnt hatte. Judith trank, bis der Kopf vor Kälte schmerzte.

Inzwischen redete Mama drauflos. Sie sprach sehr schnell und ihre Augen sahen auf einmal richtig jung aus. Doch die Aufregung in ihrer Stimme hatte nichts mehr mit Judith zu tun, und das war gut.

»Du wirst ihn bestimmt mögen, er ist ein ganz Netter, wirklich. Und er kümmert sich gut um mich. Stell dir vor, morgens bringt er mir sogar Kaffee ans Bett. Mir hat noch nie ein Mann Kaffee ans Bett gebracht, wirklich nie. Darauf musst du unbedingt achten, wenn du einen Mann kennenlernst, dass er auch was für dich tut, nicht nur umgekehrt. Schau nicht so skeptisch, es gibt keinen Grund. Dieses Mal wird es bestimmt besser, ganz bestimmt. Holger hat gar nichts dagegen, wenn du zu uns ziehst. Er mag Kinder. Wir können eine ganz normale Familie sein.«

Judith spürte Hoffnung in sich hochschnellen, unkontrolliert und schmerzhaft.

»Aber jetzt kommt das Allerbeste«, fuhr Mama fort. »Holger ist der Chef von einem McDonald’s. Ist das nicht toll? Du kannst immer Milchshakes haben und deinen Geburtstag können wir da in dem Laden feiern und du kannst alle, alle Kinder einladen!«

Ihren letzten Geburtstag hatte Judith hier im Heim verbracht. Von der Heimleitung hatte Judith einen abgepackten Marmorkuchen und ein kleines Geschenk aus der Kiste in Reginas Arbeitszimmer bekommen. Es war ein Band für Gummitwist, das sofort gerissen war, als sie mit Leni »Teddybär, Teddybär, dreh dich um« gespielt hatte und Leni sich dabei zu oft eingedreht hatte. Sie hatte sich nicht mal entschuldigt.

Doch jetzt würde Leni sehen, was sie davon hatte. Judith hatte eine Mutter – Leni nicht. Und sie würde Judith mit nach Hause nehmen. Ganz bestimmt. Vielleicht schon heute.

Die Mutter strich ihr eine Haarsträhne aus dem Gesicht. 

»Weißt du«, sagte sie und lächelte zufrieden, »man kann richtig sehen, wie gut es dir hier geht. Du hast ganz rosige Wangen. Regina ist doch ein Schatz, nicht wahr?«

Judiths Herz wurde zu Eis. Die rosigen Wangen musste sie vor Aufregung bekommen haben, denn es ging ihr nicht gut, gar nicht gut. Sie wartete jeden Tag, jede Stunde darauf, dass Mama sie holen würde. Ihre Mutter durfte nicht denken, dass es ihr gut ging, sonst würde sie noch länger bleiben müssen.

»Kommst du mich nicht holen?«, fragte sie mit vor Angst erstickter Stimme.

»Doch, natürlich, mein Liebling. Du musst nicht mehr lange warten. Ich habe Holger schon gefragt, wann wir dich holen, und er hat gesagt, bald. Sobald wir dein Zimmer eingerichtet haben. Du brauchst ja schließlich ein Bett.«

»Ich brauche kein Bett!«, versicherte Judith eifrig. »Ich kann doch bei dir schlafen!« Und als ihr einfiel, dass Mama das vielleicht gar nicht wollte, fügte sie hinzu: »Oder ich schlafe auf dem Sofa oder dem Fußboden, ehrlich, es macht mir nichts aus!«

»Auf dem Fußboden, also wirklich, mein Schätzchen, glaubst du, dass ich zulasse, dass du auf dem Fußboden schläfst? Nein, nein, wir werden dir ein wunderschönes Zimmer einrichten, mit einem richtigen Himmelbett und kuscheligen rosa Kissen, ist das nicht eine tolle Idee?«

Judith nickte zaghaft. Das klang schön, aber sie wäre lieber sofort mitgegangen, auch wenn sie dafür kein Himmelbett bekam. 

»Nun mach doch nicht so ein Gesicht. Es dauert ja nicht mehr lange.« 

Judith wischte sich mit dem Handrücken über die Augen.

»Aber ich…ich möchte lieber heute schon mitkommen«, flüsterte sie.

Die Mutter hatte die Beine übereinandergeschlagen und wippte heftig mit dem Fuß. Der Zeigefinger trommelte im gleichen Takt auf den Tisch. Das Drahtseil spannte sich, Judith konnte dabei zusehen.

»Denk an dein Bett, Judith. Denk einfach an dein wunderschönes Himmelbett!«

Dann ging sie auf ihren hohen Schuhen davon.

An der Tür winkte sie noch einmal, aber sie drehte den Kopf nur noch halb Richtung Besucherzimmer, nicht weit genug, um es zu sehen. 

Judith winkte trotzdem wie wild zurück, mit beiden Händen. 

Sie versuchte, nicht zu weinen. 

Wie lange konnte es schon dauern, ein Bett zu kaufen? Einen Tag? Zwei Tage? Eine Woche?

Sie nahm die Papiertüte mit den Essensresten und drückte sie an sich.

Es ging bestimmt ganz schnell. Sie stellte sich das Bett vor, mit einem hellen Himmel aus zartem Stoff und langen, luftigen Vorhängen, die sich bauschten, wenn der Wind durchs Fenster pustete. Mama musste es nur noch kaufen und ein paar rosa Kissen darauf legen, dann konnten sie endlich wieder zusammen sein. Ganz bald.

Doch Judith irrte sich.

Es war der letzte Besuch ihrer Mutter gewesen.